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Loslegen statt abwarten – so können kleine Verlage und Redaktionen mit KI starten

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«Wir sind jetzt wieder die Kleinen, die sich das nicht leisten können.» Das sagte mir neulich der Redaktionsleiter einer kleinen Redaktion – frustriert, resigniert, überzeugt davon, dass auch KI ein Spielzeug für grosse Medienhäuser ist.

Ich höre das öfter. Und ich verstehe die Haltung. Aber ich glaube, sie ist zumindest zur Hälfte falsch – und manchmal eine Schutzbehauptung.

Klar – grosse Medienhäuser haben Legacy-Systeme, Betriebsräte, Compliance-Abteilungen und Editorial-Guidelines, die sich über Jahre aufgebaut haben. Bis ein neues KI-Tool offiziell eingeführt, geschult und freigegeben ist, hat eine kleine Redaktion es schon ausprobiert, wieder verworfen und durch etwas Besseres ersetzt. Der Vorteil kleiner Verlage ist nie das Budget – es ist die Freiheit, einfach anzufangen.

Aber: Diese Freiheit nutzt nur etwas, wenn man sie auch ergreift.

Deshalb habe ich mir gedacht, ich teile ein paar Ideen – bewusst möglichst Tool-agnostisch, ohne grosse Einstiegshürde. Fünf Experimente, die du heute starten kannst, ganz ohne IT-Abteilung. Also hier fünf Denkanstösse:

1. Ein KI-Assistent, der deinen Schreibprozess kennt

Das ist der logischste Approach aus meiner Sicht, das Erste, was in den Sinn kommt. Ob es ein Google Gem, ein Custom GPT oder ein Skill in Claude ist – die Idee ist dieselbe: Du baust einmal einen Assistenten, der deinen Kontext kennt. Deine Zielgruppe, deinen Ton, deine häufigen Themen. Du erarbeitest Ideen, Strukturen und Entwürfe gemeinsam – KI-gestütztes Arbeiten. Das spart nicht nur Zeit. Es macht die Qualität konsistenter, auch (oder besonders) wenn verschiedene Personen im Team schreiben.

Ein einfacher Startpunkt für die System-Anweisung deines Assistenten:

«Du bist Redaktionsassistent für [Name des Verlags]. Wir schreiben für [Zielgruppe], in einem [Ton: sachlich/persönlich/etc.] Stil. Unsere Kernthemen sind [X, Y, Z]. Ich gebe dir Themen, Rohideen oder Textfragmente – du stellst mir Fragen, um den Gedanken zu schärfen, machst Vorschläge und wartest auf meine Rückmeldung, bevor du weitermachst. Du schreibst nichts fertig, ohne dass ich grünes Licht gebe. Ich steuere, du assistierst.»


2. Content Gap Analyse: Was fehlt noch auf deinem Blog?

Etwas, was mich aktuell umtreibt, besonders weil datengetriebenes Publizieren ja gerade die Runde macht.

Ich erlaube mir hier einen kleinen Seitensprung, ich kann diesbezüglich sehr diese DOK empfehlen. Sie zeigt ein Schweizer Medienhaus, das sich im Umfeld der neuen Medien zu behaupten versucht, unter anderem mit Fokus auf User Needs und eben auch Content Gap Analysen.

SRF DOK: Lange waren Regionalzeitungen profitabel, doch ihr Geschäftsmodell bröckelt: Werbung wandert ins Internet ab, ein Abo für eine Zeitung leisten sich immer weniger. Die «Südostschweiz» sucht einen Ausweg aus der Krise und stösst auf Kritik aus Politik, Kultur und Medienwissenschaft.

Doch zurück zur KI-gestützten Content Gap Analyse: Du hast schon einiges publiziert – aber wo sind die Lücken? Welche Fragen stellen deine Leser:innen, die du noch nicht beantwortet hast? KI kann dir dabei helfen, dein bestehendes Archiv systematisch zu analysieren und Themen zu finden, die fehlen oder zu kurz kommen.

Konkret: Liste deine wichtigsten Artikel auf, beschreibe deine Zielgruppe – und frag die KI, welche Anschlussfragen noch unbeantwortet sind. Noch besser: ein Export deiner Beiträge direkt aus WordPress – oder ein Tool, das direkt auf deine Posts zugreifen kann. Damit hat die KI Titel, Kategorien und Datum auf einen Blick und kann viel präziser analysieren, ohne dass du manuell etwas zusammenstellen musst.

Ein Prompt, der direkt funktioniert:

«Hier sind meine letzten Artikel [Liste oder Export]. Meine Zielgruppe sind [Beschreibung]. Welche Themen und Fragen fehlen noch? Welche Anschlussinhalte wären sinnvoll? Gib mir 10 konkrete Vorschläge mit einer kurzen Begründung.»

Neben Claude oder ChatGPT gibt es dafür auch spezialisierte SEO-Tools wie Semrush oder Ahrefs – aber oft reicht für den Anfang ein guter Prompt in einem Tool, das du ohnehin schon nutzt.


3. Brand Polish: «Klingt das nach uns?»

Du hast einen Text – aber er passt irgendwie noch nicht zu dir? Zu formal, zu technisch, nicht in deinem Ton. Bau dir einen einfachen «Polish»-Prompt: «Passe diesen Text an unseren Stil an. Wir schreiben [so und so], unsere Leserschaft ist [so und so], wir vermeiden [das und das].»

Einmal sauber definiert, wird dieser Prompt zum stillen Lektor, den du immer zur Hand hast – besonders hilfreich, wenn mehrere Personen im Team texten.

Hier ein Beispiel aus der Praxis:

Wer mit WordPress 7.0 arbeitet, kann diesen Schritt sogar direkt im Editor machen: Das offizielle WP-AI-Plugin hinterlässt mit der «Editorial Notes»-Funktion Kommentare Block für Block – mit Hinweisen zu Lesbarkeit, Grammatik, Zugänglichkeit und SEO. Kein Copy-Paste, kein Kontextwechsel.

Mehr dazu: What’s new in AI 0.8.0

4. Archiv-Mining: Was steckt noch drin?

Die meisten kleinen Verlage sitzen auf einem Archiv voller Inhalte, die kaum noch jemand findet. KI-Experiment: Nimm einen alten Artikel und frag die KI: «Was ist davon heute noch aktuell?», «Welche Folgeartikel würde das sinnvoll ergänzen?», «Wie könnte ich das für eine andere Zielgruppe neu aufbereiten?» Hier gilt dasselbe wie bei der Content Gap Analyse: Ein DB-Export oder ein Tool mit direktem Zugriff auf deine Posts macht die Analyse deutlich mächtiger – dann muss die KI nicht mit einem Artikel arbeiten, sondern kann das ganze Archiv im Blick behalten.

So könnte der Prompt aussehen:

«Schau dir diese Artikel an. Was ist davon heute noch aktuell? Was hat sich verändert? Welche Folgeartikel würden gut dazu passen? Und wie könnte ich den Inhalt neu aufbereiten?»

Das ist kein Recycling – es ist Redaktionsarbeit mit Weitblick. Und es ist genau die Art von Aufgabe, für die kleine Verlage eigentlich (ohne Automatisierung) keine Zeit hatten.


5. Einmal schreiben, dreimal ausspielen

Auch das, eine Low-hanging-Fruit: Du hast einen fertigen Artikel. Jetzt brauchst du noch: einen Newsletter-Teaser, einen Social-Media-Post und einen SEO-Excerpt. Früher hiess das: dreimal schreiben, dreimal Zeit. Heute: einmal reingeben, einen klaren Prompt – und du hast die drei Varianten in zwei Minuten.

«Hier ist mein fertiger Artikel: [Text]. Erstelle daraus drei Varianten:
1. Einen Newsletter-Teaser (max. 3 Sätze, neugierig machend, kein Spoiler).
2. Einen Social-Media-Post für LinkedIn (ca. 150 Wörter, mit einer Frage am Schluss).
3. Einen SEO-Excerpt (max. 155 Zeichen, mit dem Keyword [X]).

Behalte unseren Ton bei: [kurze Beschreibung].»

Das ist kein Riesenwunderprompt, aber es ist einer der konkretesten Zeitgewinne, mit dem du heute starten kannst. Und es funktioniert mit jedem KI-Tool, das du ohnehin schon nutzt.

Es geht – schon jetzt

Alle fünf Experimente haben eines gemeinsam: Du benötigst keine IT-Abteilung, kein Jahresbudget und keine externe Agentur, um sie zu starten. Auch kein WordPress – Copy-Paste in ein beliebiges KI-Tool reicht für den Anfang völlig. Du nimmst dir eine Stunde Zeit, bringst Neugier – und die Bereitschaft mit, etwas auszuprobieren, das vielleicht beim ersten Mal noch nicht perfekt klappt.

Auch bei WordPress geht gerade viel

Wer mit WordPress arbeitet, hat seit Kurzem einen besonders niedrigschwelligen Einstieg: Das AI Plugin von WordPress.org (Open Source, kostenlos, nur die AI-Tokens kosten dich was). Das Plugin ist ein offizielles Experiment des WordPress-Kernteams – direkt im Block-Editor integriert. Du brauchst nur WP 7.0 und einen eigenen API-Key (OpenAI, Google oder Anthropic), die Einrichtung geht schnell und du musst nichts programmieren.

Was es kann: Titelvorschläge generieren, Excerpts schreiben, Inhalte kürzen oder erweitern, Alt-Texte für Bilder erzeugen, Kategorien und Tags vorschlagen – und mit den «Editorial Notes» den eigenen Text Block für Block auf Lesbarkeit, Grammatik und SEO prüfen. Genau das, was viele Redaktionsteams manuell und zeitaufwendig machen.

Also: Ein perfekter Einstieg für ein erstes Experiment, um KI im eigenen WordPress-Umfeld zu erleben.

Wir bei morntag experimentieren selbst gerade intensiv damit – und sehen da einiges an Potenzial, das wir noch nicht ausgeschöpft haben. Wenn du Lust hast, diesen Weg nicht alleine zu gehen, sind wir gerne dabei.

Deine Meinung, deine Gedanken und Ideen interessieren mich sehr: Hast du schon eines dieser Experimente gemacht? Was hat funktioniert, was nicht? Ich freue mich auf deine Erfahrungen – per Kommentar oder direkt per Mail.

Über mich

  • Simea Merki

    Jeden Tag Menschen helfen, das zu sagen, was sie zu sagen haben. Mit Wirkung und Vision, trotzdem ressourcensparend. Ob es dabei um Websites, Webshops, Content Systeme, Texte oder auch Design geht, ist zweitrangig. Im Vordergrund stehst du und deine Vision. Mit massgeschneiderten und innovativen Ideen geben wir beim Familienunternehmen morntag unser Allerbestes, deine Message zu unterstützen.

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