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Wir leben in stürmischen Zeiten. China arbeitet an der wirtschaftlichen Weltherrschaft, Amerika wird mehr und mehr zur Autokratie, und Tech-Milliardäre führen sich immer häufiger wie russische Oligarchen auf. Und Europa? Europa merkt langsam, dass ein Leben zwischen zwei Grossmächten, die nur auf ihren eigenen Nutzen aus sind, kompliziert ist und wir uns wahrscheinlich etwas zu lange im vermeintlich sicheren Schoss der «Lady Liberty» ausgeruht haben. Ohne zu politisch zu werden: wir sind von günstigen Produktionen aus China genauso abhängig wie von amerikanischer Infrastruktur. Sind wir also den Grossmächten schutzlos ausgeliefert? Können wir nichts gegen unsere Abhängigkeit machen? Einfach ausgedrückt: Es ist kompliziert.
Die Abhängigkeiten sind gravierend
Meine persönliche Abhängigkeit von US-Tech
Ich schreibe diese Zeilen in einem meiner absoluten Lieblingstools: Notion. Ich kann mir meinen Alltag ohne Notion nicht mehr vorstellen. Notion wurde 2016 in San Francisco gegründet und läuft ausschliesslich auf Servern der Amazon Web Services (AWS). Die Notion KI stützt sich auf OpenAIs ChatGPT, Anthropic Claude und Googles Gemini. Ich betreibe Notion nicht in der Desktop-App, sondern im Browser. In meinem Fall der Microsoft Edge.
Beruflich sieht es nicht besser aus. Ich arbeite auf einem HP Laptop mit Windows 11, ich kommuniziere über Teams, arbeite in Microsoft Office-Applikationen, ich schreibe meine Mails aus Outlook und lege alles in OneDrive ab. Das alles ist kein Problem, solange uns Amerika gut gesinnt ist. Aber was, wenn sich das ändert? Was, wenn der aktuelle Präsident schlecht geschlafen hat?
Die Zahlen sprechen für sich
Amerikanische Tech-Firmen haben in Europa einen Marktanteil von ca. 85%. Alleine Microsoft hat in europäischen Verwaltungen einen Marktanteil von 90% bis 100%. Dagegen stehen europäische Tech-Firmen wie zum Beispiel SAP mit einem Anteil von 2,2% (Quelle: ZiB, Zeit im Bild).
Zwei alarmierende Beispiele
Wie schnell amerikanische Firmen uns erledigen können, zeigen folgende beiden Vorfälle:
Fall 1: Konkurs über Nacht
Wir schreiben den 8. Februar 2024. Der Verwaltungsrat der Amsterdam Trade Bank (ATB) meldet Konkurs an. Was war geschehen? Die ATB war eine kleine Bank mit 200 Mitarbeitern, 20 000 Anlegern aus Deutschland und den Niederlanden und einem direkten Draht nach Russland zum Oligarchen Michel Friedmann. Nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war, wurden Sanktionen gegen die Bank erhoben. Internationale Zahlungsdienstleister (VISA, SWIFT) sowie Microsoft trennten die Verbindung zur ATB. Die Bank war von heute auf morgen handlungsunfähig.
Nun kann man durchaus sagen, dass es in diesem Fall nicht tragisch ist. Es traf einen Akteur, der ohnehin fragwürdig war. Der Fall zeigt aber eindrücklich, wie schnell ein Unternehmen wie VISA oder Microsoft eine Firma vernichten kann.
Fall 2: Persona non grata
Ein weiteres Beispiel ist das des britischen Juristen und Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag: Karim Ahmad Khan. Eine schillernde Person, die ebenfalls nicht über jeden Zweifel erhaben scheint. Was ihm aber zum Verhängnis wurde, ist der Umstand, dass er einen internationalen Haftbefehl für Benjamin Netanyahu ausstellte. Dieser Umstand fand Amerika nicht sonderlich lustig und sie verhängten Sanktionen. Plötzlich hatte Khan keinen Zugriff mehr auf seine Konten. Seine Zahlungsmittel wurden blockiert und sogar seine (sozialen) Netzwerke schlossen ihn aus. Er wurde zur Persona non grata und der US-Kill-Switch erledigte ihn digital.
Das sind Einzelfälle, die aber erschreckend aufzeigen, wie einfach Amerika Druck auf Firmen und Personen ausüben kann. Was, wenn sie das bei unserer Regierung machen?
Datenhoheit als wichtiges Zukunftsziel
Das Problem mit US-Servern
Momentan lagern die meisten unserer Daten auf Servern von amerikanischen Firmen, oder unsere Lieblings-Apps werden über US-Infrastruktur betrieben. Firmen wie Microsoft und Amazon betreiben zwar immer mehr Datencenter in Europa. Zum einen, weil sie DSGVO-konform sein müssen und zum anderen, weil sie merken, dass viele Menschen keine Lust auf amerikanische Serverfarmen haben. Dank des 2018 in Kraft getretenen Cloud-Act spielt es aber keine Rolle wo eine Serverfarm physikalisch steht. Ist die Betreiberin eine US-Firma, muss sie die Daten auf Verlangen aushändigen. Kürzlich berichtete heise online über ein Gutachten der Universität Köln für das Bundesinnenministerium, welches diese Aussage bekräftigt. Das bringt Google, Microsoft und Amazon in eine schwierige Situation. Zum einen wollen sie ihre Europäischen Kunden nicht vergraulen, zum anderen müssen sie die Daten aushändigen.
Der Konflikt zwischen Cloud-Act und DSGVO
Für alle, die ein wenig mehr darüber wissen wollen, habe ich Notion gebeten, mir das Spannungsfeld zwischen Cloud-Act und DSGVO zu erläutern:
Cloud-Act vs. DSGVO
Der Cloud Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act) und die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) stehen in einem Spannungsfeld, das für amerikanische Firmen, die Daten europäischer Bürger speichern, erhebliche Herausforderungen mit sich bringt.
Was ist der Cloud-Act?
Der Cloud-Act wurde 2018 in den USA verabschiedet und ermächtigt US-Behörden, auf Daten zuzugreifen, die von US-Unternehmen gespeichert werden – unabhängig davon, wo sich die Server physisch befinden. Das bedeutet: Selbst wenn Microsoft, Google oder Amazon Daten auf europäischen Servern speichern, können US-Behörden diese Daten einfordern.
Der Konflikt mit der DSGVO
Die DSGVO schützt die Daten europäischer Bürger und verlangt, dass Datenübermittlungen in Drittstaaten nur unter strengen Bedingungen erfolgen dürfen. Ein zentraler Grundsatz ist, dass personenbezogene Daten nur dann in Länder ausserhalb der EU übermittelt werden dürfen, wenn dort ein angemessenes Datenschutzniveau gewährleistet ist.
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat in seinem Urteil «Schrems II» (2020) festgestellt, dass das Privacy-Shield-Abkommen zwischen der EU und den USA ungültig ist, da US-Überwachungsgesetze – einschliesslich des Cloud-Act – nicht mit den europäischen Datenschutzstandards vereinbar sind.
Konsequenzen für amerikanische Firmen
Amerikanische Tech-Unternehmen befinden sich in einer Zwickmühle:
- Rechtliche Konflikte: Sie müssen sowohl dem Cloud-Act als auch der DSGVO entsprechen, was praktisch unmöglich ist, wenn US-Behörden Daten anfordern, die nach DSGVO geschützt sind.
- Vertrauensverlust: Europäische Kunden werden zunehmend skeptisch gegenüber US-Anbietern, da ihre Daten potenziell an amerikanische Behörden weitergegeben werden könnten.
- Bussgelder und Sanktionen: Verstösse gegen die DSGVO können zu Bussgeldern von bis zu 4% des weltweiten Jahresumsatzes führen.
- Neue Lösungsansätze: Viele US-Firmen versuchen, europäische Tochtergesellschaften zu gründen oder arbeiten an technischen Lösungen wie Datenverschlüsselung, bei denen sie selbst keinen Zugriff auf die Schlüssel haben.
Was bedeutet das für Europa?
Die Unvereinbarkeit von Cloud-Act und DSGVO unterstreicht die Notwendigkeit digitaler Souveränität. Europäische Alternativen zu US-Tech-Giganten werden immer wichtiger, um die Kontrolle über eigene Daten zu behalten und nicht von amerikanischen Gesetzen abhängig zu sein.
Fazit und Ausblick
Für Europa wird es also immer wichtiger, sich von US-Tech-Giganten zu lösen und die Datenhoheit zurückzugewinnen, und auch wir als einzelne Nutzer können versuchen, den Einfluss durch Amerika zu verringern. Anbieter wie Hetzner (DE) oder Infomaniak und Proton (beide CH) werden hier immer wichtiger. Wie ich das in meinem Alltag bewerkstellige, lest ihr im nächsten Blogpost. Eines schon vorweg: Sich komplett von Amerika lösen gelingt mir nicht.
Sind nun alle US-Dienste unsicher? Hier kann man sagen: Nein. Die US-Konzerne müssen sich an die europäischen Datenschutzgesetze halten und garantieren zumindest in den Enterprise-Verträgen, dass sie sich mit allen rechtlich zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine Datenherausgabe zur Wehr setzen. Wenn eine US-Behörde jedoch Daten unbedingt will, sollte man sich bewusst sein, dass sie diese ziemlich sicher auch bekommt.
Bilder erstellt mit MS Copilot.
Über mich
Alle Beiträge ansehenChristian Denzler ist Publishing-Spezialist mit über zwei Dekaden Erfahrung in der Schweizer Medien- und Publishingbranche. Seine Schwerpunkte liegen in Druckvorstufe, Web-to-Print, Multi-Channel-Publishing, datenbankgestützter Werbemittelproduktion, barrierefreien Inhalten, XML, Wissensmanagement und künstlicher Intelligenz.
Aktuell ist er als Application Manager Print Systeme bei CH Media, einem der führenden privaten Medienunternehmen der Schweiz, tätig und arbeitet dort an der Automatisierung von Publishing- und Zeitungsdruckprozessen. Dazu gehören das Erstellen von Workflows mit Enfocus Switch sowie der Einsatz von Systemen wie Asura von OneVision, PEIQ und huGO+ von Sternwald. In eigenen Projekten wie denzler.music verbindet er Prompting, Bildgenerierung und KI-gestützte Musikproduktion mit seiner Erfahrung in Gestaltung, Sprache und digitalen Workflows. Er ist Inhaber von denzler.media, Buchautor beim Rheinwerk Verlag und teilt sein Fachwissen als Blogger und Trainer. Seine Ausbildung umfasst den Polygraf EFZ, den eidgenössischen Fachausweis als Techno-Polygraf, Weiterbildungen in Multi-Channel-Publishing, Usability/UX an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Projektmanagement IPMA Level D sowie Digital Publishing Technologies mit Fokus auf XML, RAG und künstliche Intelligenz.











Ein Kommentar
Ich lese viele beunruhigende Nachrichten, und manchmal scheint alles aus den Fugen zu geraten. Doch statt Angst zu empfinden, spüre ich immer stärker den Wunsch, dass wir, gerade in Europa etwas bewegen können. Ja, die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen – auch schwierige. Aber wir sind nicht von ihr gefangen. Wir haben gezeigt, dass wir aus Fehlern lernen und gemeinsam Neues schaffen können.
In Amerika wurde jemand gewählt, der Vergangenheit und Gegenwart auf seine Weise verbindet. Im Osten ringen alte Menschen mit alten Träumen von Größe. Doch während andere festhalten, dürfen wir loslassen – und neu gestalten.
Wir haben uns vielleicht geirrt in der Annahme, dass die Welt von selbst in Harmonie bleibt. Aber das ist keine Niederlage. Es ist die Chance, als Menschen und als Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen. Wir sind ein Europa, das schon viel erreicht hat und zu noch mehr fähig ist – zu Güte, zu Erneuerung, zu Zusammenhalt.
Wenn wir an unsere Stärken glauben und mutig handeln, gibt es keinen Grund zur Angst. Es gibt jeden Grund zur Hoffnung. Verbreiten wir Hoffnung und Zuversicht – es ist sicher der bessere Weg, die Zukunft zu gestalten.