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Kein Fall für Miss Marple – der Durchschuss

Kein Fall für Miss Marple – der Durchschuss
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Der Durchschuss ist ein Begriff aus der Mikro-Typografie. Er definiert den Abstand zwischen zwei Textzeilen. Genauer: den Abstand zwischen Kegelunterkante (untere Kante der Unterlänge) und Kegeloberkante (obere Kante der Oberlänge) der folgenden Zeile.

Der Durchschuss wird mittels eines Bruchs definiert: 12/14 pt = 12 pt Schriftgröße + 2 pt Durchschuss (Zeilenzwischenraum), ausgesprochen: 12 auf 14 Punkt und errechnet sich aus der Differenz.

Im physischen Bleisatz ermöglichten Regletten den Durchschuss zwischen den Zeilen. Sie gehören zu den Blindmaterialien, d.h. den nichtdruckenden Teilen des Satzes und waren 1 pt bis 20 pt stark.

Wurde zwischen den Zeilen gar kein Durchschuss eingefügt, dann sprach man von einem kompress gesetzten Satz. Bei sehr großen Zeilenabständen nannte man den Satz Splendid.

Im heutigen Desktop-Publishing können Schriftgröße und Abstände zwischen den Zeilen stufenlos eingestellt werden. Generell gilt: Für die Lesbarkeit von Texten sind kürzere Zeilen und größere Abstände zwischen ihnen die bessere Gestaltung. Eine einheitliche typografische Definition kann jedoch nicht vorgenommen werden. Da Schriften sehr unterschiedliche Ober- und Unterlängen haben, muss der Durchschuss auch immer individuell festgelegt werden.

Übrigens: Nicht nur Schriftsetzer kennen diesen Begriff. Schaut man in der nächsten Abteilung einer Druckerei, bei den Buchbindern, so erklärt Johann Heinrich Zedler schon 1734: „Durchschüssen, heist bey denen Buchbindern, allemahl zwischen zwey Blättern eines Buches ein weisses Blatt einlegen und hefften, damit der, so das Buch gebrauchen will, drauf schreiben, und seine Anmerckungen drein tragen könne.“ In diesem Sinne lohnt sich die Überlegung nach dem Sinn eines Buches: Gebrauchsgegenstand oder Quell der Information und Freude? Praktisch ist solch ein weißes Blatt allemal.


Technische Tipps

(von Heike Burch, Co-Autorin)

In InDesign sprechen wir nicht von Durchschuss, sondern da gibt es einige, durchaus verschiedene Möglichkeiten, die Abstände zwischen den Zeilen zu definieren:

  • Zeilenabstand (Schriftgrösse zzgl. Durchschuss = Zeilenabstand)
  • Abstand davor
  • Abstand danach
  • Abstand zwischen Absätzen mit gleichem Format
  • Grundlinienraster (Abweichung)

Zeilenabstand

Der Zeilenabstand wird, wenn man nichts weiter eingibt, direkt aus der Schriftgrösse mit 120 % errechnet. Das ist an den in Klammern stehenden Werten, hier im Foto 14.4 Pt, ersichtlich. Also haben wir 12 Pt Schriftgrösse + 20 % von 12 Pt (2.4 Pt) Durchschuss = 120% Zeilenabstand (14.4 Pt).

Ändere ich also die Schriftgrösse zu 10 Pt, ändert sich der Zeilenabstand, also auch der Durchschuss. Auch hier:
100 % = 10 Pt Schriftgrööse
20 % = 2 Pt Durchschuss
120 % = 12 Pt Zeilenabstand

Natürlich kann (okay, sollte immer!) das ganze auch in den Absatzformaten definiert werden wie auf den folgenden Bildern.

Will man aus gestalterischen Gründen nicht 20 % Durchschuss automatisch generieren, sondern einen anderen Wert nutzen, muss das hier im Format angepasst werden. Die Werte in den Klammern ändern sich dann automatisch. Also beispielsweise: 30 % Durchschuss ergäbe einen automatischen Zeilenabstand von 130 %. Vererbende Absatzformate (Stichwort Basisformat) sind hier sehr hilfreich.

Abstand davor und danach

Ich bin mir etwas unsicher, ob dieser teil wirklich zum Thema Durchschuss gehört, will es aber hier dennoch erwähnen. Zur besseren Lesbarkeit und Textstrukturierung kann es sinnvoll sein, Abstände vor oder nach den Absätzen automatisch generieren zu lassen. Die typische Leerzeile ist einfach immer gefährlich, falls sie dann mal an den Anfang der Spalte rutscht.

Also, es gibt Abstand davor und Abstand danach. Über den Einsatz kann man vortrefflich streiten, ich empfehle durchgängig entweder davor oder danach. Eine Mischung beider Einstellungen sollte nur genutzt werden, wenn es nicht anders geht.

Hat man nämlich beide Einstellungen definiert, summieren sich die Abstände, in meinem Beispiel zu 4 mm.

Abstand zwischen Absätzen mit gleichem Format

Seit ein paar Jahren kann man jedoch den Abstand vor und nach auch ignorieren lassen oder separat definieren. Im folgenden Screenshot summieren sich Abstand vor und Abstand nach zu 4 mm. Da es sich jedoch um eine Aufzählung handelt, wäre es schon schön, wenn vor der gesamten Aufzählung und auch nach ebendieser ein Abstand wäre.

Das lässt sich gut lösen: Abstand vor und nach definieren (in meinem Beispiel mit 2 mm) und unter Abstand zwischen Absätzen mit gleichem Format gegebenenfalls eine 0 eingeben. (Ignorieren wäre in meinen Augen die richtige Formulierung, aber Adobe hat da anders gedacht.)

Grundlinienraster

Und dann gibt es da noch eine Gemeinheit, die oftmals zu Verwirrung führen kann. Nämlich die Einstellung des Grundlinienrasters.

Grundsätzlich ist das Grundlinienraster eine ganz vortreffliche Funktion und wird auch oft genutzt. Aber: Das Grundlinienraster, sollte es Verwendung finden, muss dem Zeilenabstand des Grundtextes entsprechen.
In meinem Beispiel: 10 Pt Schrift, 12 Pt Zeilenabstand. Grundlinienraster Einteilung alle: 12 Pt (die letzte Einstellung findet sich in den Voreinstellungen, nicht im Absatzformat).

Ist das Grundlinienraster anders (nächstes Bild: 14 Pt) definiert und der Text ist am Grundlinienraster ausgerichtet, ist der Zeilenabstand, wenngleich nur auf 12 Pt definiert, der Verlierer in diesem Game und muss sich dem Grundlinienraster beugen: Heisst: Grundlinienraster sticht Zeilenabstand!

Ist das GLR gar kleiner als der Zeilenabstand, springt der Text dann nur auf jede zweite Zeile! Also Achtung: Zuerst den Grundtext mit seinem Zeilenabstand definieren, dass das Grundlinienraster dementsprechend anpassen.

Voreinstellungs-Tipp

Und manchmal stellt man rasch mal in der Einstellungsleiste den Zeilenabstand grösser, aber das ganze wirklich sich nicht so recht aus. Dann lohnt ein Blick in die Voreinstellungen, Bereich Eingabe. Denn in der Standard-Einstellung von InDesign ist Zeilenabstand auf ganze Absätze anwenden deaktiviert. Wenn dir also das öfter passiert, klick’ das Häkchen an! Wenn du wie ich mit Absatzformaten arbeitest, kannst du es komplett ignorieren.

Falls du noch weitere Einstellungsmöglichkeiten gefunden hast, ich bin neugierig. Schreib es in die Kommentare!


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Über uns

  • Jana Schlosser

    Am liebsten gestalte ich Bücher. Schöne Bücher. Als gelernte Schriftsetzerin mit großer Affinität zur Typografie und studierte Grafikdesignerin mit Liebe zum Konzept biete ich feine Buchgestaltung und gestaltende Beratung von Marken.

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  • Heike Burch

    InDesign verstehen. Und dann Qualität erzeugen. Ist es das, was Du suchst? Ich bringe Ordnung in deine InDesign-Dateien. Oder zeige dir, wie du selbst die besten Templates und Vorlagen erstellen kannst. Bei mir bist du richtig, wenn: deine InDesign-Dateien komplexer werden und du Hilfe brauchst // du den Dingen in InDesign auf den Grund gehen willst (also einen Workshop oder ein Seminar brauchst) // du deine Ruhe haben willst und Arbeit und/oder Verantwortung abgeben möchtest, aber die Qualität sehr gut bleiben oder werden soll?

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