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Die Expertodämie-Wellen

Expertodämie-Wellen auf LinkedIn
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Der Jahreswechsel kann man gut zum Anlass nehmen, etwas in sich zu gehen und das Jahr zu reflektieren. Dabei ist mir aufgefallen, dass mich etwas latent beschäftigt:

Vor circa fünf Jahren hätte ich LinkedIn als mein liebstes Netzwerk genannt. Heute logge ich mich einmal im Monat ein, wenn es hochkommt. Und dann habe ich selten Lust, zu verweilen.

Mich interessiert dabei weniger ein generelles LinkedIn-Bashing, sondern eine konkrete Frage: Warum fühlt sich der Feed zunehmend so an, als würde er vor allem Grundlagenwissen im Schnellkochtopf produzieren?

LinkedIn ist das soziale Netzwerk fürs Personal-Branding. Das ist völlig ok. Seine Talente ins richtige Licht zu rücken, passt zu einem Business Network, und ich nutze es selbst auch dafür.

Die «Expertodämie»: Wenn jeder Hype sofort Experten erzeugt

Seit ein paar Jahren beobachte ich aber ein Phänomen, das ich für mich (leicht überspitzt) «Expertodämie» nenne: Bei jedem neuen Hype entstehen in kürzester Zeit gefühlt unzählige «Experten» – und der Feed kippt in Richtung Anleitung, Tipp, Lifehack.

Zwischen den wenigen wirklich wertvollen Beiträgen von erfahrenen Fachleuten erscheinen dann immer mehr Posts, die die Grundlagen erklären. Für Leute, die täglich mit KI arbeiten – der aktuellen Expertodämie-Welle auf LinkedIn – sind viele dieser Inhalte selbstverständlich.

Natürlich sind auf LinkedIn nicht nur KI-Profis oder Bildexperten unterwegs. Und natürlich ist mir klar, dass viele die Plattform fürs Marketing nutzen und Dienstleistungen anbieten wollen. Das sind legitime Anliegen.

Was mir fehlt: Praxis statt neu verpackte Basics

Was mir aber zunehmend fehlt, sind Posts, die sichtbar aus der Praxis kommen: konkrete Cases, Grenzen, Fehler, echte Learnings. Stattdessen wirkt vieles wie «neu verpacktes Einstiegsmaterial». (So in der Art: «5 Prompts, die dein Leben verändern» – und am Ende sind es universelle Allgemeinplätze.)

Warum Kurse, wenn die Basics überall verfügbar sind?

Manchmal frage ich mich dann auch: Warum sollte ich einen Kurs buchen, wenn es um Dinge geht, die mir Google oder eine KI mit überschaubarem Aufwand iterativ beibringen kann oder die ich mir entspannt mit einem Kaffee und einem Buch erarbeiten könnte? Ich setze hier mal voraus, dass alle, die dies lesen, fähig sind, Quellen-Checks zu machen und im Selbststudium nicht einfach irgendetwas Herbei fantasiertes erarbeiten.

Wer nun kontert: «Solche Kurse sind nützlich, wenn man Netzwerken will», dem sage ich: Fair Point. Neue Menschen und neue Inputs sind tatsächlich der Hauptgrund, warum auch ich Kurse und Weiterbildungen besuche.

Mein Störgefühl ist eher ein anderes: Manches wird als Must-know verkauft, obwohl es eher Grundlagen- oder Einstiegsmaterial ist – und LinkedIn verstärkt diesen Effekt, weil Tempo und Verpackung oft besser funktionieren als Tiefe. Das scheint mir im Übrigen ein allgemeiner Trend zu sein.

Mein Filter gegen Feed-Müdigkeit

Um mich beim Lesen nicht zu ermüden, sortiere ich Beiträge inzwischen grob in drei Kategorien:

  • Grundlagen-Posts: sinnvoll für Einsteiger, für mich oft Skip
  • Praxis-Posts: zeigen echte Beispiele, Grenzen, Fehler
  • Insight-Posts: liefern eine Perspektive, die nicht einfach «googlbar» ist

Wenn ich ehrlich bin, habe ich momentan gar keine Lust mehr, mich gross auf LinkedIn aufzuhalten, denn wenn es nicht die Expertodämie ist, dann sind es die Kalt-Akquisen-Nachrichten, die niemand braucht, die dazu führen, dass man die wichtigen Nachrichten oder Geburtstagswünsche nicht mehr wahrnimmt (sorry an dieser Stelle).

Eure Sicht interessiert mich

Wie geht es euch damit?

  • Woran erkennt ihr für euch «echte» Expertise im Feed?
  • Welche Art Beiträge wünscht ihr euch auf LinkedIn mehr: Cases, Meinungen, Tools, Tutorials – und warum?
  • Und: Ist LinkedIn für euch aktuell noch relevant oder wertvoll?

In dem Sinne auch von mir einen guten Rutsch und bis nächstes Jahr.


Bild erstellt mit ChatGPT. Bildprompt:

An abstract wave composed of icons representing digital content in a minimalist color scheme, with clear shapes, 16:9 format, featuring 20–30% negative space. 

Das Emoji habe ich im Photoshop hinzugefügt 😉

Über mich

  • Christian Denzler

    Christian Denzler ist Publishing-Spezialist mit über zwei Dekaden Erfahrung in der Schweizer Medien- und Publishingbranche. Seine Schwerpunkte liegen in Druckvorstufe, Web-to-Print, Multi-Channel-Publishing, datenbankgestützter Werbemittelproduktion, barrierefreien Inhalten, XML, Wissensmanagement und künstlicher Intelligenz.

    Aktuell ist er als Application Manager Print Systeme bei CH Media, einem der führenden privaten Medienunternehmen der Schweiz, tätig und arbeitet dort an der Automatisierung von Publishing- und Zeitungsdruckprozessen. Dazu gehören das Erstellen von Workflows mit Enfocus Switch sowie der Einsatz von Systemen wie Asura von OneVision, PEIQ und huGO+ von Sternwald. In eigenen Projekten wie denzler.music verbindet er Prompting, Bildgenerierung und KI-gestützte Musikproduktion mit seiner Erfahrung in Gestaltung, Sprache und digitalen Workflows. Er ist Inhaber von denzler.media, Buchautor beim Rheinwerk Verlag und teilt sein Fachwissen als Blogger und Trainer. Seine Ausbildung umfasst den Polygraf EFZ, den eidgenössischen Fachausweis als Techno-Polygraf, Weiterbildungen in Multi-Channel-Publishing, Usability/UX an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Projektmanagement IPMA Level D sowie Digital Publishing Technologies mit Fokus auf XML, RAG und künstliche Intelligenz.

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