Please login to access.
Neulich bin ich über ein YouTube-Video gestolpert, das mir ein vertrautes Gefühl endlich benannt hat: die sogenannte Erklärblindheit – im Englischen als Curse of Knowledge bekannt. Sie beschreibt das Phänomen, dass wir ein Thema umso schlechter erklären können, je besser wir es selbst beherrschen.
Ich erlebe das regelmässig in meinen Workshops. Wenn ich etwa erkläre, wie man mit Notion oder Obsidian Wissen strukturieren kann, vergesse ich manchmal: Für viele ist das komplettes Neuland. Was für mich Alltag ist, ist für andere ein Dschungel aus neuen Begriffen und Funktionen.
Wie erkenne ich meine Erklärblindheit?
Sobald ich also in einem Workshop innerlich denke: “Das ist doch trivial!” – weiss ich: Achtung. Das ist ein Warnsignal. Jetzt heisst’s: Tempo rausnehmen und besser erklären. Ich nehme dieses Gefühl von “Ist doch logisch!” als Kompass. Es zeigt mir, dass ich gerade Gefahr laufe, an meiner Zielgruppe vorbeizureden.
Tatsächlich ist es ja so: Alles, was mir heute selbstverständlich erscheint, war es früher auch für mich nicht. Als Fachexperte neige ich dazu, mein eigenes Thema zu unterschätzen. Ich übersehe oft, dass andere einen ganz anderen Erfahrungshorizont haben, und vergesse dabei, wie viele kleine Schritte es auch bei mir brauchte, bis mir alles logisch vorkam.
Was hilft mir, Erklärblindheit zu überwinden?
Die gute Nachricht ist: Mit der richtigen Herangehensweise lässt sich die Erklärblindheit überwinden. Über die Jahre habe ich einige Methoden entwickelt, die ich in meinen Workshops anwende. Dabei geht es letztlich immer darum, ständig die Verbindung zum Publikum zu halten.
Hier meine fünf wichtigsten Strategien aus der Workshop-Praxis:
1. Perspektive wechseln
Vor dem Workshop stelle ich mir die Teilnehmenden konkret vor: Wo stehen sie? Was wissen sie schon? Was brauchen sie wirklich?
2. Feedback einholen
Ich frage aktiv nach Rückmeldungen. Die Reaktionen der Teilnehmenden zeigen mir direkt, wo ich noch zu abstrakt oder zu schnell bin.
3. Mit Beispielen arbeiten
Ich versuche, Beispiele aus dem Alltag der Teilnehmenden zu nutzen. Das macht auch abstrakte Konzepte greifbar und verständlich.
4. In Etappen denken
Grosse Themen zerlege ich in kleinere Etappen – wie beim Wandern: Schritt für Schritt zum Ziel. So bleibt niemand auf der Strecke.
5. Fragen als Türöffner nutzen
Ich arbeite gerne mit offenen Fragen: “Wie macht ihr das aktuell?” ist oft der bessere Einstieg als gleich mit einer Theorie zu starten.
Die KI als Testpublikum
Ein unerwartet nützlicher Helfer: ChatGPT. Ich setze die KI ein, um meine Erklärungen zu testen. Ich bitte sie, sich in die Rolle eines Workshop-Teilnehmers zu versetzen – und gebe eine kurze Beschreibung dazu. Dann präsentiere ich mein Konzept.
Die KI reagiert erstaunlich authentisch:
- Sie fragt nach, wenn etwas unklar ist
- Sie gibt Feedback, ob ein Beispiel funktioniert
- Sie zeigt mir, wo ich noch zu schnell oder zu kompliziert bin
Ein kleiner Prompt, der dabei hilft:
Ich möchte, dass du die Rolle eines Workshop-Teilnehmers übernimmst, der noch nie mit [Thema] gearbeitet hat. Du bist [kurze Beschreibung der Person und Hintergrund].
Ich werde dir gleich ein Konzept erklären. Bitte reagiere authentisch aus deiner Rolle heraus:
- Stelle Fragen, wenn dir etwas unklar ist
- Teile mit, wenn etwas zu schnell oder zu kompliziert erklärt wird
- Gib Feedback, ob die Beispiele für dich hilfreich und verständlich sind
Hier ist meine Erklärung:
[Erklärung einfügen]
Das funktioniert erstaunlich gut – als wäre es ein kleiner Spiegel, der meine blinden Flecken aufdeckt.
Sobald wir wissen, dass es diese Erklärblindheit gibt, können wir ihr gezielt begegnen. Und genau da beginnt gute Kommunikation.
Wie geht ihr damit um, wenn ihr komplexes Wissen vermitteln müsst? Ich freue mich auf eure Erfahrungen in den Kommentaren!
Über mich
Alle Beiträge ansehenIch bin ein Contentmacher. Ich nutze gerne WordPress und andere Tools, um Lerninhalte zu gestalten und online zugänglich zu machen. Besonders angetan bin ich vom Content-First-Ansatz. Daneben produziere ich aber auch Marketing-Content für verschiedene Kunden. Gerne mit AI-Unterstützung.











3 Kommentare
Vielen Dank für diesen schönen Begriff – Erklärblindheit.
Ich unterrichte regelmäßig SEO mit KI für einen Weiterbildungsträger.
Anfang diesen Jahres konnte ich mir selber nicht mehr zu hören, immer dasselbe… Es kam mir unglaublich hohl und einfach vor.
Tempo ist für mich die Entdeckung. Langsam, genau und mit Achtsamkeit. Zeit geben für Fragen. Alle Fragen sind hilfreich. Alle.
Kein Mulittasking. Also nicht in den Pausen Mails oder Handy prüfen … Dieser Verzicht hat mir die Freude am Unterrichten wieder gebracht, auch wenn mir alles sehr vertraut ist. Und in jedem Kurs lerne ich etwas neues von den TN.
Die Aufgaben sorgfältig durchgehen und die Ergebnisse der Studenten feiern. Sich Zeit nehmen ….
💯 Bei mir sind es meine unreflektierten „Flughöhenmeter“ die meine eigene Erklärblindheit wachsen lassen.
Für mich sind Tools und Formate längst flexibel geworden – das große Ganze steht im Vordergrund. „Mach deine Inhalte transportabel“ ist mein zentrales Prinzip. Doch genau hier hänge ich oft alle ab, die noch nicht auf dieser Flughöhe unterwegs sind.
Der Alltag mit bewährten, aber schwer steuerbaren Anwendungen aus dem Microsoft 365 oder Adobe Creative Cloud Umfeld ist mir fremd geworden. Während ich in systemischen Zusammenhängen denke, kämpfen andere noch mit grundlegenden Bedienungsschritten. Was du als „Das ist doch trivial!“ beschreibst, kenne ich als mein ständiges Kopfschütteln über „umständliche“ Arbeitsweisen – dabei vergesse ich, dass jeder seinen eigenen Lernweg und Leidensweg hat.
Deine fünf Strategien sind Klasse.
Besonders der Punkt „Perspektive wechseln“ resoniert bei mir. Ich versuche inzwischen, mir konkret vorzustellen: Jemand lernt gerade ein neues Tool kennen – unsicher, ohne Vorwissen zu digitalen Workflows, vertraut mit manuellen Abläufen. Für ihn ist jeder Schritt Neuland.
Es braucht „Brücken“ zwischen den verschiedenen Flughöhen. Ein gemeinsamer Erwartungshorizont – wie ein Wetterbericht mit Blick auf Entwicklungen und Chancen – hilft allen, die passenden nächsten Schritte zu finden.
You made my day
Die Idee mit KI die eigenen Erklärungen zu prüfen finde ich genial. Ich erinnere mich noch gut an YouTube Tutorials, die mich in meinen Anfängen mit Photoshop zum verzweifeln gebracht haben. Das war so eine krasse Erfahrung, dass ich heute noch versuche in meinen Tutorials dran zu denken, was mich damals irritiert hat.
Wenn man Expertise in einem Gebiet hat, dann vergisst man zu leicht, wie schwer es sein kann, ohne das Hintergrundwissen manches zu verstehen.