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Haemes Senf: Darum sind Zertifikate so doof

Gestern bin ich diesem Fahrzeug gefolgt. Hinten angeschrieben, wen man grad sucht. Sieht man ja häufig auch in der grafischen Branche (wir nicht ausgenommen!), ist aber kurzsichtig und entspricht nicht der heutigen Zeit.
Es müsste stehen: «Wir suchen gute Leute. Integer, zuverlässig und bereit, sich ständig neu zu erfinden». Die Zeit, als bestimmte Berufsgattungen gesucht wurden, ist im Publishing vorbei. Das tollste Zertifikat und der höchste Abschluss bringen nichts, wenn Inhaber nach der Ausbildung nicht selber drangeblieben sind oder nicht über genügend soziale Kompetenzen verfügen.
Leider vermitteln viele Ausbildungen noch immer reines Fachwissen. Dies mit dem Ziel, nach der Ausbildung die Sache zu können. Das kommt aus der Routine-Zeit des letzten Jahrhunderts, als was gelernt wurde, um dann über Jahre gleich, vielleicht immer effizienter, zu machen.
Im Publishing geht es nicht mehr um Routine, es geht um Wissensarbeit. Also um das tägliche Suchen nach neuen Lösungen, ständiges Dazulernen und eben sich ständig neu erfinden. Und genau darum sollten eben keine bestimmten Berufsgattungen gesucht werden, sondern gute Leute! Was bringt mir ein Polygraf (Mediengestalter in Deutschland), Grafiker, Webdesigner, der seit seiner Ausbildung nichts mehr dazugelernt hat und stehen geblieben ist? Gar nichts. Denn vieles von dem, was wir heute machen, gab es vor wenigen Jahren noch nicht. Und vieles, was wir heute machen, gibt es in wenigen Jahren nicht mehr.

HR kann nicht selber

Ich höre sie schon aus dem HR (Personalstelle): «Wie in aller Welt sollen wir entscheiden, welche Person einzustellen ist, wenn wir nicht mehr auf die Zertifikate schauen sollen?» Ich sage dann: «Das könnt und sollt ihr auch nicht entscheiden. Ein Zertifikat sagt viel zu wenig über Qualitäten eines Wissensarbeiters aus, um seriöse Entscheide fällen können. Es geht nur mit Probearbeiten. Setzt Personen, die zu euch wollen, für ein paar Tage ins Team. Ihr spürt dann sofort, ob die Person passt: Ob sie integer, zuverlässig und bereit ist, sich ständig neu zu erfinden. Ich kenne Firmen, wo dieses ‘ins Team Setzen’ genau einen Monat dauert. Danach entscheidet das Team gemeinsam, ob der neue Wissensarbeiter aufgenommen werden kann. HR macht dann den administrativen Teil und muss nicht auf Basis komischer Bescheinigungen Entscheide fällen, die so nicht gefällt werden können.»

 

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Haeme Ulrich

Ich bin Business Leadership Coach und konzentriere mich auf Verlage und Agenturen. Ich habe Hunderte von Verlagen und Agenturen weltweit betreut und ihnen geholfen, ihre Prozesse zu optimieren und eine blühende Kultur zu etablieren. Ich bin ein versierter Redner, spreche auf Bühnen mit mehr als 5000 Zuhörern sowie vor Hochschul- und Fachpublikum. Mein Stil ist authentisch, ehrlich und direkt, wobei dein Erfolg immer im Vordergrund steht. Ich lege mehr Wert darauf, meinen Kunden beim Aufbau langfristiger, nachhaltiger Geschäfte zu helfen, als nur auf kurzfristige Gewinne zu achten.
haeme@morntag.com
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Diskussion

12 Antworten

  1. Das mit dem “ins Team setzen” funktioniert ja vielleicht super bei Leuten, die ohne Arbeit sind. Sollen in das Recruiting aber auch Leute einbezogen werden, die jeden Tag ihre Brötchen verdienen, ist die Idee mit der Probearbeit nicht mehr praxisgemäß. Oder sollen die potentiellen neuen Mitarbeiter ihre Quelle für den aktuellen Lebensunterhalt etwa für eine bloße Chance mal eben an den Nagel hängen? Irgendwann ist der Jahresurlaub dann für unbezahlte Probearbeit aufgebraucht.

    1. Hi Uwe. Darf ich etwas herausfordernd sein: Wenn der neue Arbeitgeber gut genug ist, dann funktioniert es. Die ganz beliebten Arbeitgeber machen es vor. Und im Kleinen habe ich es auch persönlich erlebt.

      Aber: Ich denke, dass die klassischen Firmenstrukturen mit Festanstellungen ein Auslaufmodell sind. Dass Ganze muss viel organischer werden. Es wird viel mehr Selbständige geben, die zusammen Projekte erarbeiten.

  2. Wissensarbeit ist doch auch Kreativarbeit, nicht? Kreativität gedeiht in einem wohlwollenden Umfeld. Es muss nicht zwingend eine flache Hierarchie sein. Auch Aufgaben-/Rollentausche, Persönlichkeitsentwicklung, Transparenz, Selbstkritik sollte gepflegt werden. Diese Kultur und die entsprechenden Führungspersonen sind selten zu finden. Solange Unternehmen hauptsächlich monetär fokussiert entscheiden, eine Kultur des psychopathischen Narzismus förderen, sind Ausbildungszertifikate Peanuts. Algorithmus wird es uns vielleicht wieder erleichtern?

  3. Auf der einen Seite hast du recht, Haeme. Auf der anderen: Was tun bei 80 Bewerbungen? Da brauchst du vorgeschaltete Auswahlverfahren, denn 80 Probearbeiten zu lassen, ist schlicht unmöglich.

    1. Hi Tobias. Ich glaube, es müsste eine echte Umkehr stattfinden. Wenn sich das mit dem Probearbeiten etablieren würde, was ja in anderen Regionen der Welt funktioniert, so hätten wir sicherlich auch nicht eine solche Unmenge Schein-Bewerbungen, die durch irgendwelche komischen Arbeitslosenprogramme ausgelöst sind. Was ja auch ein guter Nebeneffekt wäre. Denn mir tun Leute echt leid, die sich der Bewerbung wegen bewerben. Das ist erniedrigender, als gar nicht zu bewerben und eigentlich nur unnötig und kostet auf allen Seiten sehr viel.

    2. Zum Thema Bewerbung und Einstellung empfehle ich die Lektüre von “Extreme Interviewing”, ein White Paper der Softwareschmiede Menlo Innovations® in Ann Arbor, USA. Zu finden unter http://menloinnovations.com/by-reading/white-papers und dann ganz nach unten scrollen. In diesem Dokument wird deren Einstellungsprozess ganz gut beschrieben.

  4. Der Wunsch weg vom Fachwisser scheint mir etwas utopisch, Angesicht dessen, dass wir in der grafischen Branche oft noch immer als Maschinen-Bediener wahrgenommen werden. So liest man regelmässig in Stellenanzeigen «Beherrscht Photoshop, InDesign und Illustrator CS6». Ein, zwei Klicks und der PC macht das schon. Dabei ist es doch nicht das Beherrschen unserer Werkzeuge, das uns ausmacht, sondern das, was wir damit anzustellen vermögen. Wenn wir diesen ersten grossen Schritt – auch in unserer Selbstwahrnehmung – erst einmal gemacht haben, wird der Weg zum Wissensarbeiter sehr viel leichter sein.

    1. Man kann mit Software aber nur dann etwas anstellen, wenn man sie beherrscht. Was nützt mir denn das tollste Wollen, wenn es am Können hapert? Und es gibt auch in unserem Bereich jede Menge Grundlagenwissen, das man einfach braucht. Anderenfalls erzeugt man nämlich Müll und Fehler. Dieses Grundlagenwissen benötigt man auch, um viele Zusammenhänge in der Software erstmal zu begreifen. Wenn man schon so lange dabei ist, dann kommt einem das alles selbstverständlich vor. Ist es aber nicht. Und das ganze Zeug, das trotz Digitaltechnik immer noch gilt, lernt man auch nicht eben in 2 Monaten. Und ob jemand das alles weiß, findet man auch nicht in ein paar Tagen Probearbeiten heraus. Ein Zertifikat alleine sagt einem das zwar auch nicht, sondern lediglich dann, wenn man beurteilen kann, was derjenige taugt, der dieses Zertifikat ausgestellt hat. Zusätzlich merkt man dann beim Probearbeiten, ob derjenige in der Lage ist, das Wissen umzusetzen. Den ständigen Wandel wird man alleine mit Wollen sicher nicht in den Griff bekommen.

    2. “Ein Zertifikat alleine sagt einem das zwar auch nicht, sondern lediglich dann, wenn man beurteilen kann, was derjenige taugt, der dieses Zertifikat ausgestellt hat. ”

      Oh ja!!

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