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Haemes Senf: Durststrecke bei Adobe – es kommt gut, denke ich.

digital_publishing_strategieDie Stimmung unter Adobe-Anwendern war schon besser. Während sich die einen gegen Abo-Modelle stemmen, kämpfen andere mit Stabilität und Performance und dritte vermissen neue Funktionen in den angestammten DTP-Anwendungen. Als bekennender Adobe Geek, Trainier und damit auch Bindeglied zwischen Markt und Hersteller bekomme ich dies täglich mit. Hier, wie ich das sehe, meinen persönlichen Senf.

Desktop Publishing war 1985

Fakten und meine Vermutungen rund um die Weiterentwicklung im elektronischen Publishing (ich meine damit die elektronische Erstellung von Medien) habe ich in der Grafik oben aufgezeichnet. Begonnen hat alles zirka 1960 durch den Einzug der klassischen Satzanlagen. Das hat lange gut funktioniert, bis 1985 ein paar junge Wilde auf günstigen PCs erste Layoutprogramme gezeigt haben, Desktop Publishing war geboren. Nach anfänglichem Lächeln über solches «Spielzeug» folgte ein Glaubenskampf: System oder PC? Oh, ich kann mich gut erinnern, als mein Arbeitgeber in Mainframes investiert hatte, während ich mir zu Hause meinen ersten Mac mit PageMaker und QuarkXpress eingerichtet habe. Ich gehörte damals auch zu den jungen Wilden, heute halt nur noch zu den Wilden… Dass die Satzanlagen in der Folge relativ rasch verschwunden sind, muss ich euch nicht erklären. Desktop Publishing-Programme wie Photoshop und später auch InDesign wurden ständig verbessert, es kehrte eine gewisse Ruhe ein. Bis zirka 2015. Dann geschah, was viele noch immer nicht erkennen oder wahrhaben wollen: Der Umbruch von Desktop Publishing zu Cloud Publishing. Ausgelöst durch die weltweite Vernetzung und das Cloud Computing im Allgemeinen. Das ging schneller, als wir alle vermutet haben. Auch Adobe hat diese rasante Entwicklung auf dem linken Bein erwischt, bin ich heute überzeugt. Als wenn dies nicht genug wäre, kamen alle paar Jahre neue Medien dazu (Web, Mobile, Wearables, Bots… siehe Grafik). Auch diese mussten bedient werden, selbstverständlich mit dem gleichen Budget, das bis anhin Print exklusiv zur Verfügung stand.
Auch der grosse Kulturwandel von Handwerk zu Wissensarbeit stand an. Denn Publishing wurde durch die Digitalisierung plötzlich IT. Und IT ist kein Handwerk. IT ist Wissensarbeit in Reinkultur.
Die neuen Marktbedürfnisse waren also klar (und so ganz anders als zur Zeit des Desktop Publishings): Vernetztes Arbeiten (Cloud), Content First und Automation (neue Ausgabekanäle mit gleichem Inhalt bespielen), orts- und zeitunabhängiges Arbeiten (Wissensarbeiter).

Adobe im Stress

Adobe, sich gewohnt, Desktop Publishing-Produkte in regelmässigem Zyklus als Softwarepakete auf den Markt zu bringen, sieht sich plötzlich in einem völlig neuen Markt. Wie diesen bedienen, ohne den angestammten zu vernachlässigen? Wo werden wie viele Entwickler-Ressourcen investiert? Ich hätte nicht entscheiden wollen.

Wie weiter?

Zurück zur gemischten Marktstimmung, welche ich am Anfang des Artikels beschreibe. Kann sein, dass Adobe zu wenig in den angestammten Desktop Publishing Markt investiert hat zu Gunsten neuer Technologien. Ich weiss es nicht.
Was ich jedoch aus vielen persönlichen Calls und Treffs weiss: Die Vision bei Adobe ist zurück: Aufstehen, Krone richten, Technologien und Prozesse entwickeln. Jetzt folgt die Durststrecke für uns Anwender. Altes muss noch hinhalten, Neues ist noch nicht marktreif. Jetzt voreilig die Flinte ins Korn zu werfen, finde ich falsch, wenn ich die Zeichen am Horizont sehe. Zudem ist vieles, was als Adobe-Alternativen gehandelt wird, überhaupt nicht visionär: Es ist 1985, Desktop Publishing wie damals. Darauf kann ich verzichten, weil ich will auch morgen noch zu den Wilden gehören.

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Haeme Ulrich

Ich bin Business Leadership Coach und konzentriere mich auf Verlage und Agenturen. Ich habe Hunderte von Verlagen und Agenturen weltweit betreut und ihnen geholfen, ihre Prozesse zu optimieren und eine blühende Kultur zu etablieren. Ich bin ein versierter Redner, spreche auf Bühnen mit mehr als 5000 Zuhörern sowie vor Hochschul- und Fachpublikum. Mein Stil ist authentisch, ehrlich und direkt, wobei dein Erfolg immer im Vordergrund steht. Ich lege mehr Wert darauf, meinen Kunden beim Aufbau langfristiger, nachhaltiger Geschäfte zu helfen, als nur auf kurzfristige Gewinne zu achten.
haeme@morntag.com
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Diskussion

7 Antworten

  1. Ein alter Publishing-Hase (Inhaber einer kleinen, feinen Agentur) hat mir kürzlich in etwa gesagt:

    »Wenn ich bei meinen Kunden eine derartige Monopolstellung erlangt habe, dass sie nicht mehr anders zu können glauben, als mich über Jahre hinweg für nachlassende Leistung und unerfüllte Anforderungen mit steigenden Umsätzen und freiwilliger Abhängigkeit zu belohnen, dann habe ich auch kein Problem damit, mit dem Hersteller meiner Werkzeuge genauso zu verfahren. – Hast du so eine Position bei deinen Kunden? Ich nicht, und ich würde es ihnen auch nicht wünschen.«

    Das ist jetzt nicht völlig von der Hand zu weisen, fürchte ich.

  2. Zu den “Wilden” gehören, was ist das? Sie gehören höchstens zu denen, die monatlich für die Shareholder und den aufgeblasenen Adobe Apparat bezahlen. Man finanziert einen dekadenten Laden, der einfach nur immer mehr aus den kreativen heraus pressen will. Ich bleibe bei CS6 und erweitere meine Software eventuell mit einigen Alternativen wie z.B. QuarkXPress und Affinity Designer – sehr empfehlenswert. Sieht schon auf den ersten Blick “wilder” aus als Großväterchen Adobe.
    Ich kenne übrigens einen sehr guten Designer, der immer noch mit CS2 arbeitet. Immer größer, neuer, weiter, mehr PS – dieses Denken richtet nur den Planeten zugrunde. Wozu das überflüssige hecheln? Es geht doch prima mit CS5 oder 6. Mal abwarten, ob Adobe nicht irgendwann zur Besinnung kommt und die verlorenen Schäfchen wieder einsammelt, mit einem guten Angebot in Form eines Softwarepakets.

  3. Adobe ist nah am Vinyl

    Damals war es Universal Musik die, bevor iTunes startete, einen eigenen digitalen ONLINE Music Store selber verhinderten.

    Heute ist es eine schmale Grenze, die Print OPTIK und HAPTIK vom Web und der digitalen REDUKTION von Informationssignalen, noch trennt. Was bei MP3 geht, funktioniert kulturell und je nach Erfahrungsgrad der Konsumenten nur bedingt. Das Gehirn kann nur das selbständig und AUTOMATISCH ergänzen und passend tauschen, was es vorher gelernt hat. Einiges davon ist auf dem Weg der Veränderung auf der Strecke geblieben … was bleibt ist, daß Geschichten im Kopf entstehen und dafür hat Adobe ziemlich ausgefeilte Werkzeuge für Geschichtenmacher von heute und morgen.

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