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Interaction Design im Gespräch: Der Simple Music Player für Menschen mit Demenz

Mein erster Beitrag auf dieser spannenden Plattform ist eine Case Study, die ich immer gerne als Inspiration und Horizonterweiterung in meinem umgangssprachlichen «Rucksäckli» als Interaction Designerin mitführe.

Im Rahmen meiner Diplomarbeit (ProDemenz) interviewte ich letztes Jahr Lyndon Owen. Er ist Inhaber der walisischen Design Consulting Firma E2L, die den Simple Music Player produziert. Dieser ist ein MP3-Player, welcher speziell für Menschen mit Demenzerkrankung entwickelt wurde. Angehörige beladen ihn mit Liedern aus den prägenden Jahren. Durch die gemeinsame Beschäftigung mit der richtigen Musik kann ein Kontakt hergestellt werden, der mit herkömmlicher Kommunikation nicht mehr möglich scheint. Die Bedienelemente des Simple Music Players sind auf das Wesentliche reduziert: Ein Deckel, um die Musik zu starten und zu stoppen und ein Knopf um ein Lied zu überspringen.

Lyndon, was inspiriert dich dazu, Produkte wie den Simple Music Player zu entwickeln?
Die Welt scheint besessen davon, Dinge immer komplexer zu machen. Wir Designer nennen das «Function Creep». Es ist nichts weiter als ein Versuch, das nächste Modell zu verkaufen, das besser und grösser ist. Im Gesundheitswesen – besonders im Zusammenhang mit einer Demenz – ist das kein funktionierendes Konzept. Bei E2L fragen wir uns deshalb immer zuerst, wie wir etwas einfacher gestalten können.

Wie kamst du auf den Simple Music Player?
Vor etwa zehn Jahren kam ich mit einer gemeinnützigen Organisation ins Gespräch, die Lösungen für Probleme im Gesundheitssektor sucht. Sie hatten bereits Studien zur Wirkung von Musik auf Demenzerkrankungen durchgeführt und erste Konzeptideen für den Simple Music Player entworfen. Während zwei, drei Jahren haben sie frühe Prototypen davon in Alters- und Pflegeheimen getestet, um zu sehen, welche Ideen funktionierten und welche nicht. Zu diesem Zeitpunkt waren die Geräte noch komplett ungeeignet für die Produktion.

Welches sind die wichtigsten Ergebnisse aus diesen Tests?
Der Deckel-Mechanismus. Das Anheben des Deckels um Musik abzuspielen, stellte sich als sehr intuitiv heraus. Die Idee ist angelehnt an diese grossen Möbelstücke, die die Leute in den 60er und 70er Jahren hatten, um Musik aufzulegen (das «Radiogramofon»). Zudem spielen Menschen mit einer Demenzerkrankung oftmals gerne an Dingen herum. Wenn sie dabei also den Deckel des Players anheben und die Musik zu spielen beginnt, so ist das oftmals ein Erfolgserlebnis, auch wenn Musik aufzulegen gar nicht ihr ursprünglicher Antrieb war.

Eine andere Erkenntnis betrifft die Stromversorgung. Hätten wir Batterien verwendet, so wären diese mit der Zeit leer. Eine Person mit Demenz ist meist nicht mehr im Stande, einen leeren Batteriestand zu erkennen. Sie würde eher denken, dass das Gerät kaputt ging und vergessen, jemanden darüber zu informieren. Deshalb wird der Simple Music Player über ein normales Netzteil mit Strom versorgt. Das hat zudem den Vorteil, dass sich die erkrankte Person nicht noch um einen separaten On/Off-Schalter kümmern muss.

Dann war da noch das Thema Lautstärkeregelung. Wir haben diese Funktion bewusst versteckt, so dass die Lautstärke nicht aus Versehen, wohl aber bewusst z.B. durch Freunde und Familienangehörige, verändert werden kann.

Gab es im Designprozess auch überraschende Erkenntnisse?
Die erste Version des Simple Music Players war zusätzlich zur USB-Schnittstelle noch mit Bluetooth ausgestattet. Viele Angehörige hatten jedoch damit Probleme und die Übertragung der Dateien war langsam. Das führte zu sehr vielen Supportanfragen. So haben wir die Bluetoothfunktion wieder abgeschafft.

Zudem unterstützte der Simple Music Player zunächst sehr viele Dateiformate. Statt das Gerät zugänglicher zu machen, stiftete es jedoch sehr viel Verwirrung. Deswegen haben wir den Simple Music Player mitten in der Produktion noch umprogrammiert, so dass er nur noch das MP3-Format unterstützt. Offensichtlich war diese klare Ansage wichtiger als eine möglichst breite Unterstützung von Formaten. «Ease of learning» vor «Ease uf use».

Habt ihr auch Rückmeldungen von Nutzern, die keine Demenzerkrankung haben?
Ja, viele Leute schätzen schlichtweg die Einfachheit des Simple Music Players. Gesunde Betagte sind oft begeistert davon, ebenso auch Personen mit Bewegungseinschränkungen wie z.B. zerebraler Lähmung. Der Simple Music Player ist nicht nur exklusiv ein Produkt für Menschen mit Demenzerkrankung.

Was wird am Simple Music Player generell von allen Nutzergruppen am meisten geschätzt? 
Wir haben den Simple Music Player sehr ­robust gebaut. Den Deckel kann man abreissen und wieder aufsetzen. Der Lautsprecher ist von einem Stahlgitter geschützt. Wenn jemand also wütend wird, kann das Gerät auch einen harten Schlag wegstecken. Wir legten zudem sehr viel Wert auf eine hervorragende Klangqualität bei hoher Lautstärke. Ältere Leute haben ja oftmals Probleme mit dem Gehör. Das war wirklich «quality first» und nicht «cost first».

Gibt es Funktionen, die gesunde Leute am Simple Music Player vermissen?
Wir bekommen sehr wenige Rückmeldungen mit Funktionswünschen. Den Wunsch, den wir aber am häufigsten bekommen, ist ein Drehregler für die Lautstärke. Menschen im Anfangsstadium einer Demenz könnten so ein Element noch bedienen, aber es gibt genügend andere Geräte auf dem Markt, die dieses Bedürfnis erfüllen. Wir mögen keine Drehregler, da viele Menschen aus unserer Zielgruppe Mühe haben, zu greifen und zu drehen. Es sind keine guten physischen Bewegungen, insbesondere zum Beispiel bei einer Parkinson-Erkrankung, die häufig zusammen mit einer Demenz auftritt.

Was bedeutet der Simple Music Player für dich persönlich?
Von all den Produkten, die ich in den letzten 40 Jahren lanciert habe, hat kein anderes Rückmeldungen erhalten, die so direkt von Herzen kommen. Das Feedback ist einfach fantastisch. Wir hören Dinge wie: «Mein Vater hat seit einem Jahr zum ersten Mal wieder seine Ehefrau erkannt, als wir ihm seine Musik vorgespielt haben.» oder «Mein Vater hat aufgehört zu sprechen und jetzt redet er wieder, nachdem wir uns eine Weile mit dem Simple Music Player beschäftigt haben.». Es ist schlichtweg gewaltig. Einfach ein wirklich positives Produkt. 

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Denise Rankwiler

Interaction Designerin, Mitglied der GL bei schmizz communicate 360°, Co-Gründerin von ProDemenz. Immer auf der Suche nach neuen Wegen zur perfekten Work-Life-Blend 😎
denise@schmizz.ch
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